Mazda MX-5: Turbo – Ratte

Ich kauf mir nie nen Japaner!

Ein Satz, den man lange Zeit oft von Andreas Mohr hören konnte. Zu dieser Zeit fuhr der gelernte Mechaniker zwar Golf 1 Cabrio, doch sein Herz gehörte ganz und gar den geschwungenen Kurven der italienischen Fabrikate. Echte reinrassige Sportwagen eben. Saubere Rundungen und schnittige Linien, vereint zu einem leichtgewichtigen Chassis, in dem meist ein leistungsstarkes Aggregat mit betörendem Klang Platz findet. All dies gepaart mit einem knackigen Fahrwerk und man hat im Grunde das Sinnbild einer Diva aus Bella Italia. Fahrzeuge wie diese waren für Andreas vor allem durch seine Arbeit bis heute sehr prägend. Für die meisten unter uns ist das einzige Problem mit Ferrari & Co. wohl allein der Preis, sodass es meist bei Bewunderung und Träumen bleibt. Autos wie der Fiat Barchetta sind da schon eher erreichbar, aber auch wenn hier vielleicht die Optik stimmt, so hatte der kleinere Italiener spätestens in dem Moment verloren, in dem Andreas klar wurde, dass er über einen recht langweiligen Frontantrieb verfügt.

Es kam jedoch der Tag, an dem Andreas mit neuen Eindrücken und Erfahrungen in den Feierabend gehen sollte, als man ihm einen kleinen putzigen Roadster auf die Bühne stellte. Der japanische Zweisitzer machte wie zu erwarten zunächst keinen großen Eindruck auf ihn. Einfacher Routinejob, also hoch auf die Bühne. Aber genau da begann der Sinneswandel: beim Blick unter die Karosse. Reihen-Vierzylinder vorne mit einem knackigen 5-Gang Getriebe, welches über einen einzigen Längsträger, dem sogenannten Power Plant Frame, mit dem Differenzial verbunden ist. Zudem fiel die Einzelradaufhängung mit Doppeldreiecksquerlenkern und lenkungsunabhängigen Stoßdämpfern sofort positiv auf. Spur, Sturz und grundsätzlich auch der Nachlauf war ab Werk in geringer Abhängigkeit zueinander individuell einstellbar. Das sah nach Spaß aus. Und das war wirklich ein Japaner? Dieser Mazda MX-5 setzte sogar noch einen drauf, denn das Kundenfahrzeug war bereits nachträglich mit einem Turbolader ausgestattet worden. Nach erledigter Arbeit musste also eine kleine Testfahrt erfolgen.

Der Mazda MX-5 ist leicht und sehr agil. Man spürt, was das Auto macht, und bekommt genau mit, wie alle Komponenten arbeiten. Mit dem Turbo in speziell diesem Exemplar ging der sogar gut nach vorne. Ganz hübsch ist er auch noch. Spätestens hier erinnern wir uns an die Charaktereigenschaften unserer italienischen Schönheiten. Klar, der Vergleich hinkt noch etwas, aber der Mazda hatte einen gigantischen Vorteil: Er war bezahlbar. Im Grunde der perfekte Kompromiss und so wartete Andreas nicht lang und besorgte sich im Jahre 2004 seinen eigenen.

Sein Ziel war es, die Basis des kleinen Samurai so gut es geht zu nutzen und nur das zu verändern, was für schnelles und präzises Fahren nötig war. Ausgeblichener Lack? Völlig egal, Hauptsache Technik und Performance stimmen! Das 240. gebaute EU-Modell musste also einige Arbeitsschritte durchwandern, angefangen mit einem selbst gebauten Turbo-Kit. Als Basis diente ein HGP Turbokrümmer, um den herum alle restlichen Teile zusammen gesammelt wurden. Viele Komponenten konnte Andreas über seinen damaligen Arbeitsplatz bei Gelegenheit beziehen und verzichtete oftmals auf einen Teil seines Lohns im Austausch dafür.

So kamen nach und nach ein T25 Garrett Turbo, Ladeluftkühler und eine selbst geschweißte Abgasanlage mit einem Mohr Endschalldämpfer dazu. Abgesehen von einer stärkeren Sintermetallkupplung und einem Aluminiumschwungrad (3,6 kg) ist das Turbo-Kit hiermit schon fast komplett. Gesteuert wird der Motor nämlich immer noch vom serienmäßigen Steuergerät des 1,6l Saugmotors, bloß mit Unterstützung eines mechanischen ladedruckabhängigen Kraftstoffreglers und eines manuellen Ventils zur Regelung des Ladedrucks. Hinzu kamen lediglich etwas größere Einspritzdüsen, Nology Zündkabel und Kerzen, sowie eine 1.5 mm dicke Metalllatte zwischen Kopf und Block, inklusive zwei Dichtungen, um die Verdichtung zu reduzieren. Im normalen Betrieb auf Deutschlands Straßen entwickelt der Mazda somit eingetragene 148PS bei 0,5 Bar Ladedruck. Auf Trackdays und abgesperrten Strecken kann der Ladedruck von Zeit zu Zeit über das Ventil auf ungefähr 0,8 Bar erhöht werden, was den 4-Zylinder auf 196PS katapultiert. Andreas MX-5 fährt mit exakt diesem Setup nun schon seit 2005 und ungefähr 100.000 km durch die Straßen!

Mit gelungener Leistungssteigerung darf natürlich eine Überarbeitung der Bremse nicht fehlen. Ausgestattet ist dieser NA mit einer 4-Kolben-Festsattelbremse der Firma Wilwood an der Vorderachse und der etwas größeren Serienbremse des 1.8l Modells an der Hinterachse. Das Fahrwerk wurde durch kürzere Sportdämpfer eines Schweizer Herstellers in Kombination mit Eibach Federn ersetzt. Außerdem wurden alle Fahrwerksteile erst kürzlich grundsaniert und mit FlowFlex PU-Buchsen versehen. Das Lenkgetriebe musste dem eines Modells ohne Servolenkung weichen. Als direkte Verbindung von Fahrer und Fahrzeug dienen übrigens ein Sitz aus der ersten Lotus Elise und ein Momo Corse Lenkrad. Erweitert wird diese Verbindung durch ziemlich leichte Autec Felgen und Toyo R1R. Da Beifahrer nur zusätzliches Gewicht bedeuten, ist diese Seite des Wagens meist durch ein komplettes Tonneau-Cover bedeckt.

Äußerlich hat sich entgegen der anfänglichen Einstellung hierzu dann doch noch einiges getan. Lange Zeit verblieb der Mazda in “sonnengeblichen Rot” und sah ansonsten auch nicht anders aus als jeder andere seiner Art. Bei einem Besuch auf dem Young-Timer Festival in Herten vor nicht allzu langer Zeit ließ Andreas sich von einer Harley inspirieren, welche von mehreren durchgeschliffenen Farbschichten geschmückt wurde. Begeistert von dieser Optik folgte er auch hier wieder einem Impuls und machte sich an die Arbeit. Das originale Rot (und Schwarz eines Ersatzkotflügels) blieb halbwegs erhalten und wurde von einem Ginster-Gelb überzogen, welches an den Kanten durchgeschliffen und hier und da mit weißen Farbspritzern und zahlreichen Details verziert wurde. Auf der Tür gut lesbar angebracht: Das ist der 240. MX-5! Abgerundet wird dieser Used-Look durch den matten Klarlack.

Fertig ist die Ratte! Oder? Nein, da geht noch was. Im Kontrast zur abgerockten Optik verfügt der MX nun über nach vorn versetzte Chromspiegel im Talbot-Look, sowie einen verchromten Gepäckträger inklusive Holzkiste und stilechten Spanngurten. Zudem wurden Motorhaube, Scheinwerferdeckel und Kofferraumklappe nicht einfach Matt-Schwarz gerollt, sondern tatsächlich in Tafellack gehüllt.

In unseren Augen ist dieser MX-5 einfach eines der coolsten Gesamtpakete, die wir bisher sehen durften. Solltet Ihr Andreas eines Tages vorbeifahren sehen, zögert nicht, nach der Kreide zu fragen. Auf einem solchen Auto herumzumalen ist beinahe genauso spaßig, wie es zu fahren.

 

Artikel: Tim Schwarz

Fotos: Marc Ingenpass

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