Mercury’s Milestone: Cougar XR-7

Da soll mal einer behaupten, das RollOut Magazin sei nicht lehrreich. Hefte auf, Geschichtsstunde! Wir begeben uns in die späten 60er Jahre und nehmen eine Außenseiter-Marke ins Visier: Mercury. Der Ford-Ableger, welcher die meiste Zeit eher unter dem Radar der meisten Käufer aktiv war, ist heute vor allem unter Muscle-Car Fans für den Cougar XR-7 bekannt. Mit dem Cougar drückte Mercury dem Ford Mustang, dem damals wohl erfolgreichsten amerikanischen Modell, seinen eigenen Stempel auf. Offensichtlichste Veränderungen an seiner Basis sind natürlich der markante Grill mit Hide-Away-Scheinwerfern und das stilistisch angepasste Heck. Ansonsten folgte Mercury aber tatsächlich einem anderen Ansatz als Ford mit dem Mustang, was diesen “Zwilling” seine eigene Geschichte schreiben ließ und ihm ermöglichte, dem Mustang den Kampf anzusagen.

Glücklicherweise ist uns zu Demonstatrionszwecken dieses wunderschöne Exemplar vor die Linse gekommen: Ein 1969er Mercury Cougar XR-7. Dieser hier entstammt einer Sammlung und wurde bis zum Kauf durch den aktuellen Besitzer im Jahre 2014 nicht in Deutschland bewegt. Dementsprechend befindet sich der Ammi in einem außerordentlich guten Zustand, auch wenn kleinere Fehler zu Beginn der Wiederinbetriebnahme beseitigt werden mussten. So entschied sich sein Besitzer Simon beispielsweise nach einem Defekt am Hauptbremszylinder dazu, einfach die gesamte Bremsanlage zu erneuern.

Nach dem Erfolg des Cougars ab 1967 sollte der Eliminator die Speerspitze der Modellreihe bilden. Dazu gab es hier erstmals den 351cui (5,8l) V8 als Aggregat in der Basis Version. Dieser XR-7 hier ist zwar eigentlich kein Eliminator, jedoch borgt er sich hiervon einige Goodies. Auch hier schlägt das 351er Herz des Mustang-Herausforderers, jedoch gibt es dazu eine überarbeitete Ansaugung mit 4-fach Vergaser von Edelbrock, sowie eine Magnaflow Abgasanlage mit X-Pipe und ordentlichem Fächerkrümmer. Ergänzt wird die sportlichere Attitüde durch einen Servoölkühler aus dem damaligen Drag-Pack. Die knapp 300PS stürzen sich hier über das originale 3-Gang Automatikgetriebe auf den Asphalt.

Auf obigem Bild gut sichtbar ist das vom Eliminator übernommene Aero-Paket. Frontspoiler, Ram-Air Haube samt Hoodpins und Heckflügel gestalten die ohnehin schon markante Silhoutte deutlich aufregender. New Cougar Eliminator. Password for action. Spoilers hold it down, nothing holds it back – so bewarb Mercury diesen Boliden. Er war von einer Neuinterpretation des Mustangs zu einem eigenständigen, kompetitiven Modell geworden und richtete sich als Luxury Sportscar vor allem an jene Käufer, die sich nicht zwischen Mustang und Thunderbird entscheiden konnten. Er war der perfekte Kompromiss und setzte von Facelift zu Facelift nach, was ihn zum Zeitpunkt seiner Final Form um 1970 als echten Konkurrenten für das allseits beliebte Pony in der Öffentlichkeit etablierte.

Simons Cougar ist zudem eine Fahrwerksoptimierung durchlaufen. Durch den sogenannten Shelby Drop, bei dem die Querlenkerposition am Rahmen verändert wird, passt sich bei Kurvenfahrten der Sturz deutlich stärker an. Dies wirkt sich, genau wie die hier verbauten roten Koni Dämpfer, positiv auf das Fahrverhalten aus. Außerdem verrichten hier speziell angefertigte kugelgelagerte Querlenker mit Polylagern ihre Arbeit, um der typisch amerikanischen Schwammigkeit entgegenzuwirken. Maßgeblich für akkuraten Oldschool-Look sind unter anderem die American Racing Torque Thrust II Felgen mit den fetten BF-G Reifen.

Das breite Heck wird eindeutig von dem durchgängigen Rücklicht-Balken dominiert. Darin befinden sich übrigens mehrere Birnen für jeden Blinker, welche sequenziell geschaltet sind. Dadurch entsteht beim Blinken die Illusion eines laufenden Lichts. Diese Idee ist also doch keine Errungenschaft aus dem aktuellen Jahrzehnt, was allerdings eher zukunftsweisendes Kompliment für den Cougar als Schelte für Audi & Co. ist.

Im Innenraum geht es für einen 60er Jahre Sportwagen recht luxuriös weiter. Neben der klassischen Optik und sportlichen Armaturen finden sich hier komfortorientierte Gadgets, wie zum Beispiel elektrische Fensterheber, eine Klimaanlage und in einigen Modellen sogar ein elektrisches Schiebedach. Besonders ist hier außerdem die Tilt-Away Lenksäule, welche bei abgeschalteter Zündung aus dem Weg schwenkt und so das Ein- und Aussteigen erleichtern soll. In unserem Fall hier wird die sportliche Optik zudem von einem klassischen Raid Lenkrad, Sportsitzen und Hosenträgergurten bestärkt. Unterm Strich bot der Mittelklassesportler damals mehr Annehmlichkeiten als Fords bester Hengst, was damals bedeutender Teil seines Erfolges war.

Der Zenit im Konkurrenzkampf gegen den Mustang war wohl trotz allem sein Beinahe-Sieg bei seiner ersten Teilnahme in der Trans-Am Serie. Nur der Mustang drängelte sich vor ihm auf das Treppchen – und das auch nur knapp. In Relation schmälerte das den Sieg des Money-Makers aus den Hallen des Mutterkonzerns natürlich, da der Neuling der kleineren Tochterfirma ihm kaum in etwas nachstand. Im Folgejahr war der Cougar dann nicht länger Teil der Trans-Am Serie, da man bei Ford entschied, das Cougar-Projekt vorerst nicht weiter so eingehend zu verfolgen. Da wir heute wissen, welche Nachfolger der Cougar hervorbrachte, war das wohl ein cleverer, wenn auch unfairer Schachzug.

Damit beenden wir unseren Ausflug in ein interessantes Stück Geschichte und können ein kleines Fazit ziehen. Der Cougar ist so etwas wie der coole Underdog, ein Rebell gegen die Obrigkeit. Damit erntet er bei uns einiges an Beliebtheit. Ausschlaggebend für diesen Ausflug bleibt aber weiterhin der Eindruck, den speziell Simons Mercury bei uns hinterlassen hat. Rohe Kraft und clevere Mods, eingefügt in eine saubere klassische Karosse. Allein der Blick auf das Interieur hat uns ins Schwärmen getrieben, wirkt hier doch alles so neu. Als hätte er die knapp 50 Jahre seines Lebens einfach unverändert überdauert. Dem ist natürlich nicht so, denn auch hier wird zu diesem Zwecke ja regelmäßig Hand angelegt. Und genau darum darf man dieses Muscle-Car hier auch bewundern.

 

 

Artikel: Tim Schwarz

Fotos: Marc Ingenpass

 

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