Golf II Turbo

Es gibt zwar viele Meinungen zu diesem Thema, aber eine der ganzen alten Faustregeln besagt, dass eine Gewichtsreduktion eine der ersten Maßnahmen zur Leistungssteigerung sein sollte. Macht ja auch irgendwie Sinn, denn Teile erst einmal rauszuwerfen kostet meist nichts und verbessert im Grundsatz dennoch das Leistungsgewicht. Bei Fahrzeugen wie diesem Golf II GTI Edition One hier geht da aber nicht mehr allzu viel. Zumindest nicht, wenn man Beschleunigungsorgien feinster Güte in Erwartung stellt. Ansonsten ist es bei einem schön aufgebauten Klassiker auch einfach zu schade, das Auto so zu zerpflücken, wenn man mal ehrlich ist. Was macht man also mit so einem leichten Schmuckstück? Genau: Man hängt doch lieber direkt einen dicken Turbolader rein!

Dieses Exemplar, ursprünglich mit einem 1.8l 8V Motor und 107PS ausgestattet, ergatterte sein Besitzer Stefan bereits mit einem 1.8l 16V KR-Swap. Da dem Wagen jedoch ohnehin ein großes Make-Over bevorstand, wurde dieser KR kurzerhand durch einen weiteren, vollständig überholten KR mit Doppel Weber Vergaser ersetzt. Dieser durfte auch vorerst eine Zeit lang seine Dienste leisten, bis Stefan dann später entschied, dem Golf die Luft mit Gewalt in die Brennräume zu drücken. Bis dahin sollte aber einige Zeit vergehen, in der viele weitere grundlegende Umbauten durchgeführt werden sollten.

Unter anderem wurde der VW erst einmal neu lackiert und in ein dezentes Dark Burgundy mit Perleffekt gehüllt. Da der Innenraum somit schon einmal ausgeräumt war, nahm auch einfach sofort ein Wiechers Überrollkäfig mit zwei Recaro Pole Position darin Platz.

Wie man sieht, durfte der Innenraum, abgesehen von den genannten Änderungen, seinen gewohnt rustikalen Charme behalten. Tür- und Seitenwandverkleidungen, sowie Teppiche sind noch immer vorhanden. Und auch sonst wirkt hier alles sehr seriennahe, doch wie so oft mag der Schein trügen. Unter den originalen Abdeckungen befindet sich hier z. B. ein Audiosystem von DLS.

In der Mittelkonsole finden sich nun lediglich zusätzliche Anzeigen und Schalter, welche andeuten, dass da unter der Haube wohl doch mehr abgeht, als man erwarten würde. Um passend zur neuen Sitzhaltung auch den optimalen Armbeugewinkel zu erzeugen, gesellt sich hier ein geschüsseltes Luisi Lenkrad dazu.

In Vorbereitung auf die anstehende zweite Leistungssteigerung musste die Bremsanlage der eines Audi S2 weichen. Damit genügend Platz für die nun größere Bremse geboten wird, steht der GTI zurzeit auf 16-zölligen Lenso BSX, welche in unauffälligem Schwarz das edle Burgunder-Rot sauber ergänzen. Tiefgang erreicht der Bolide mittlerweile durch H&R Monotube Gewindefahrwerk. Dieses wird in Kombination mit entsprechend härteren Stabilisatoren an Vorder- und Hinterachse derselben Marke gefahren.

Der Doppel Weber KR Motor blieb nach diesen Modifikationen nicht mehr allzu lange unter der Golf-Haube. Diesen tauschte Stefan gegen ein angefangenes KR-Turbo Projekt, auch wenn er hieran selbst noch einmal ordentlich Hand anlegen musste. Dem Block wurden Audi S2 Kolben und Pleuel mitsamt entsprechenden Lagerschalen verpasst. Im Kopf rotieren ABF Nockenwellen und eingespritzt wird über eine Digifant Anlage durch 470cc Düsen. Der Druck wird hier über einen 300kPa Sensor in dem G60 Steuergerät erfasst und die nötige Benzinmenge liefert eine Bosch 044 Pumpe.

Auf der gegenüberliegenden Seite des Kopfes hängt der Garrett GT2860RS Turbolader, der hier beim Angasen maßgeblich für den Schubser zurück in den Sitz verantwortlich ist. Die Turbine bläst durch eine komplette 3 Abgasanlage der Firma PPH und drückt die Ladeluft durch 60 mm Verrohrung inklusive Aluminiumkühler in die Drosselklappe. Der Ladedruck ist durch ein mechanisches Dampfrad geregelt, welches hier zurzeit rund 1.4 Bar zulässt und dem Golf damit etwa 350PS verleiht. Koordiniert wird all dies durch die von Turbodoedel abgestimmte Software.

Diese monströse Kraft überträgt das Aggregat über eine Sintermetallkupplung von Sachs an den Antriebsstrang. Für eine verbesserte Abstützung bei all der Power sorgen Motorlager von Powerflex. Die meisten gut sichtbaren Teile wie der Ventildeckel sind passend zum Äußeren in schlichtem Schwarz gehalten. Ansonsten findet man hier und da einige Carbonteile, welche zusammen mit den neuen Silikonschläuchen und hochwertigen Stahlflexleitungen das Gesamtbild der rohen Rennsemmel erzeugen.

Unterm Strich ist dieser Golf II eines dieser Projekte, die sich in mehreren Schritten an die Idealvorstellung ihrer Besitzer nähern. In akribischer Eigenarbeit werden Fehler ausgemerzt und Konzepte verändert. Für letzteres ist gerade dieses Auto hier wohl ein ziemlich gutes Beispiel. Der Turboumbau ist diese gewisse Portion Wahnsinn, welche Autos wie diese so besonders macht. Und das vor allem auch, weil man sich hier so einigen Originalteilen anderer Fahrzeuge bedient hat. Bumms ohne Ende mit relativ simplen Methoden und Teilen aus recht herkömmlichen Quellen zu erzeugen hat schon seinen eigenen sehr sympathischen Charakter.

 

 

Artikel: Tim Schwarz

Fotos: Marc Ingenpass

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